Zweite Gruppe startet NS-Spurensuche im Projekt „StoryFinder“
Neben der Jugendgruppe der Circusschule Die Rotznasen e.V. wird diese zweite Projektgruppe bis Sommer 2026 Geschichten von Verfolgung, Vertreibung und Widerstand in Hamburgs Zentrum entdecken und für digitale Stadtrundgänge neu erzählen.
Erinnern lernen: Annäherung an die nationalsozialistische Verfolgung in Hamburg
Für viele Jugendliche ist die Geschichte des Nationalsozialismus ein fernes Thema – zeitlich mehr als zwei Generationen entfernt, emotional kaum greifbar und nur selten in ihrem Alltag präsent. Und doch haben sich die Schülerinnen und Schüler im Rahmen ihres ersten Workshops darauf eingelassen und sich mit wachsendem Interesse an die Geschichte der NS-Verfolgung in ihrer Stadt herangetastet. Der Workshop – einer von insgesamt dreien, den die Gruppe in der Projektlaufzeit mitmachen wird – fand im Internationalen Bildungszentrum unseres Partners dock europe e.V. in der ehemaligen Viktoria-Kaserne in Altona statt. Der Gebäudekomplex, der nach seiner Zeit als Kaserne bis in die 1980er Jahre von der Polizei genutzt wurde, ist heute ein gemeinschaftlich betriebener Produktionsort für Kunst, Kultur, Gewerbe und Bildung der Genossenschaft fux eG. Der Einstieg des Workshops öffnete den Raum für zentrale Fragen: Was heißt NS-Verfolgung und wer war betroffen? Wo fand diese Verfolgung in Hamburg statt? Und warum sollten wir uns daran weiter erinnern? Diese Fragen bildeten das Fundament für zwei intensive Projekttage, an denen sich die Jugendlichen auf für sie ungewohntes Terrain begaben. Trotz der anfänglichen Distanz zum Thema entwickelten viele von ihnen im Laufe des Workshops echtes Interesse: An historischen Zusammenhängen, an persönlichen Geschichten und an der Frage, wie die Erinnerung daran heute noch funktionieren kann.
Geschichte mit Biografien greifbar machen
In einer Übung zur Perspektivität lernten die Schüler*innen zunächst, dass Geschichte nie eindimensional ist und es immer auf den Blickwinkel ankommt, wie wir historische Ereignisse, Personen und Orte wahrnehmen. Im Fokus der anschließenden inhaltlichen Arbeit stand die Beschäftigung mit Biografie-Mappen, die Fotografien, Lebensläufe, Originaldokumente und Selbstzeugnisse von NS-Verfolgten und -Täter*innen enthielten. Für die meisten Jugendlichen war es das erste Mal, dass sie sich mit historischen Quellen auseinandersetzten – und viele waren überrascht, wie stark sie diese persönlichen Dokumente berührten und zum Nachdenken anregten. Der persönliche Zugang ermöglichte den Jugendlichen, abstrakte Themen wie Deportationen, Konzentrationslagerhaft, Ausraubung oder Polizeiterror in konkrete Lebensrealitäten zu übersetzen.
Ortserkundung im Stadtraum: Wo Geschichte sichtbar ist – oder auch nicht
Ein weiterer Schwerpunkt war die Auseinandersetzung mit historischen Orten: Die ehemalige Viktoria-Kaserne erlebten die Jugendlichen nicht nur als Lernort, sondern entdeckten auch dessen spannende Nutzungsgeschichte. In zwei Teilgruppen erschlossen sie sich dann die Gedenkstätten „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“ und „Geschichtsort Stadthaus“. Dort gingen sie der Frage nach, wie man sich diesen Orten heute annähern kann: Wie und warum wurden hier Menschen verfolgt? Welche historischen Spuren sind noch sichtbar? Wie ist die Atmosphäre an den Orten heute? Und wie können wir begreifen, was hier passiert ist, wenn es äußerlich kaum noch erkennbar ist? Während der Exkursionen konnten die Jugendlichen erfahren, dass Erinnerung nicht nur mit Denkmälern und Reden von Politiker*innen zu tun hat, sondern auch mit Aufarbeitung, mit Bildung und mit dem bewussten Blick auf den öffentlichen Raum. Für zwei Schülerinnen war die Exkursion ein Highlight des Workshops: „Wie fanden sehr spannend, dass wir mehr über die Orte lernen konnten, zum Beispiel über den Hannoverschen Bahnhof und die Menschen, die von dort deportiert wurden.“ Und mit Blick auf die Gegenwart bemerkten sie: „Uns hat sehr irritiert, dass das noch nicht einmal hundert Jahre her ist, obwohl es uns ziemlich unmenschlich erscheint heutzutage.“ Die Geschichte des Stadthauses, Sitz der Polizei im Nationalsozialismus, ermöglichte einer anderen Schülerin einen Perspektivwechsel: Sie fand die Auseinandersetzung mit einer Täterbiografie sehr spannend, „um einfach mal eine andere Sicht“ auf die Geschichte kennen zu lernen.
Blick nach vorn: Von der Geschichte zur eigenen Erzählung
Zum Abschluss setzten sich die Teilnehmenden in kurzen Videos, Audios und Fotos kreativ mit ihren Lernerfahrungen auseinander. Hier knüpft der zweite Workshop im Herbst an: In der zweiten Projektphase wählen die Jugendlichen selbst Themen und Geschichten aus, die sie vertiefen und neu erzählen möchten. Im Sommer 2026 produzieren sie daraus eigene multimediale Beiträge für eine digitale Stadtkarten-App zur NS-Verfolgung in Hamburg. So entsteht eine lebendige, vielstimmige Erinnerungskarte, auf der die jugendlichen Perspektiven dauerhaft zugänglich sind – für Gleichaltrige und die interessierte Öffentlichkeit.
Schon jetzt ist deutlich: Trotz anfänglicher Skepsis mancher Schüler*in ist der Projekteinstieg der Gruppe gelungen. In ihrem selbst erstellten Vlog zum Abschluss des Workshops zog eine Teilnehmerin ein positives Fazit: „Ich habe viel Neues gelernt über die Verfolgung in Hamburg und das interessiert mich, weil ich ja aus Hamburg komme. Ich freue mich schon aufs nächste Mal.“
Das Projekt StoryFinder wird von der Stiftung EVZ und dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) im Rahmen des Programms JUGEND erinnert vor Ort & engagiert gefördert. Die Trägerschaft liegt bei der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen in Kooperation mit dem Bildungsträger dock europe e.V. und dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden.